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Rüstungsindustrie

Deutsche Drohnen an die Front

Junge Unternehmen entwickeln neue »Wunderwaffen« – mit Kapital aus den USA

Unbemannte Flugobjekte sind heute das Mittel der Wahl für Militärs. Nun will das Bundesverteidigungsministerium tausende Kamikazedrohnen von jungen Start-ups beschaffen. 
Hermannus Pfeiffer
Blick auf eine Droh­ne vom Typ Loi­te­ring Muni­ti­on Sys­tem der Fir­ma Stark Defence
dpa/Friso Gentsch

Vor einem Jahr hat­te US-Vize­prä­si­dent J.D. Van­ce auf der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz die Euro­pä­er auf­ge­for­dert, mehr für ihre eige­ne Sicher­heit zu tun. Tat­säch­lich haben sich die euro­päi­schen Nato-Staa­ten danach ver­pflich­tet, ihre Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben auf fünf Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­duk­tes hoch­zu­fah­ren. Doch schon nach dem von Kanz­ler Olaf Scholz und sei­ner Ampel-Regie­rung auf­ge­leg­ten »Son­der­ver­mö­gen Bun­des­wehr« wur­de Kri­tik laut, dass die 100 Mil­li­ar­den Euro vor allem an US-Her­stel­ler flie­ßen. Die »Gro­ßen Fünf« in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, deren Rüs­tungs­er­lö­se umge­rech­net rund 200 Mil­li­ar­den Euro im Jahr betra­gen, ver­fü­gen über die nöti­gen Res­sour­cen und ein Netz­werk von Tau­sen­den Zulie­fe­rern, um kurz­fris­tig ihre Pro­duk­ti­on hochzufahren.

Doch mitt­ler­wei­le rüs­tet auch Deutsch­lands Indus­trie mate­ri­ell auf, allen vor­an die Dick­schif­fe Air­bus, Rhein­me­tall und die U‑Boot-Divi­si­on von Thys­sen­krupp, TKMS. Weni­ger öffent­li­che Auf­merk­sam­keit erregt die Start-up-Sze­ne, jun­ge Unter­neh­men, die vor allem den Bau von Droh­nen vor­an­trei­ben wol­len. Die sich rasant ent­wi­ckeln­de Tech­no­lo­gie und vor allem deren Ska­lie­rung, also Mas­sen­pro­duk­ti­on und ‑ein­satz, gel­ten Ana­lys­ten zufol­ge als der ent­schei­den­de Fak­tor im Krieg zwi­schen Russ­land und der Ukrai­ne. »Droh­nen sind längst zum Sinn­bild und zur Schlüs­sel­tech­no­lo­gie für den Krieg der Zukunft gewor­den«, so der Gene­ral­inspek­teur der Bun­des­wehr, Cars­ten Breu­er. Doch bis­lang ver­fügt die Bun­des­wehr nur über weni­ge die­ser unbe­mann­ten Flug­ob­jek­te, die je nach Form und Grö­ße in einen Ruck­sack pas­sen oder einem Kampf­jet ähneln. 

Nach jet­zi­gem Stand soll der Haus­halts­aus­schuss des Bun­des­ta­ges Ende Febru­ar grü­nes Licht geben für die Anschaf­fung von »Loi­te­ring Wea­pons«, umgangs­sprach­lich als Kami­ka­ze­droh­nen bezeich­net. Mit Spreng­stoff bewaff­net krei­sen sie über dem Ziel­ge­biet, orten und ver­fol­gen den Geg­ner und stür­zen sich mit ihrer töd­li­chen Ladung auf ihn. Die bei­den Auf­trä­ge über ins­ge­samt rund 536 Mil­lio­nen Euro für eine ers­te Lie­fe­rung Hun­der­ter Droh­nen sol­len an zwei jun­ge Unter­neh­men gehen: Stark Defence und Hel­sing. Rah­men­ver­trä­ge gehen von einem Gesamt­vo­lu­men von mehr als 4,3 Mil­li­ar­den Euro aus. Die Beschaf­fung der ers­ten Tran­che erfolgt für Bun­des­wehr-Ver­hält­nis­se unge­wöhn­lich schnell. Bereits Ende die­ses Jah­res sol­len die neu­en Sys­te­me gelie­fert werden. 

Die Hel­sing GmbH mit Sitz in Mün­chen ist ein 2021 gegrün­de­tes deut­sches Soft­ware- und Rüs­tungs­un­ter­neh­men, wel­ches sich auf den Ein­satz soge­nann­ter Künst­li­cher Intel­li­genz (KI) im Rüs­tungs­sek­tor spe­zia­li­siert hat. »Zum Schutz unse­rer Demo­kra­tien«, wirbt das Unter­neh­men auf sei­ner Inter­net­sei­te. Die Fir­ma wur­de von einem frü­he­ren McK­in­sey-Mana­ger gegrün­det, der auch als Son­der­be­auf­trag­ter im Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Ver­tei­di­gung arbei­te­te. Mit­grün­der sind zwei Natur­wis­sen­schaft­ler. Seit der jüngs­ten Finan­zie­rungs­run­de im Som­mer, als von Inves­to­ren wei­te­re 600 Mil­lio­nen Euro ein­ge­sam­melt wur­den, gilt Hel­sing als wert­volls­tes deut­sches Start-up. Hin­ter dem euro­päi­schen Pro­jekt ste­hen laut Medi­en­be­rich­ten Inves­to­ren wie der schwe­di­sche Rüs­tungs­kon­zern Saab und der Grün­der des Musik­por­tals Spo­ti­fy in Stockholm. 

Ame­ri­ka­nisch domi­niert ist dage­gen das zwei­te »deut­sche« Start-up, wel­ches der Bun­des­weht Droh­nen lie­fern soll. Unter Starks Geld­ge­bern fin­den sich der US-Fonds Sequoia, die Risi­ko­ka­pi­tal­ge­sell­schaft des Geheim­diens­tes CIA, und Thiel Capi­tal von Peter Thiel. Grü­ne und Lin­ke leh­nen des­halb eine Ver­ga­be an Stark ab. Der Tech-Mil­li­ar­där mit deut­scher Her­kunft gilt als einer der Strip­pen­zie­her hin­ter dem kul­tu­rel­len Rechts­ruck in den USA und einer der wich­tigs­ten Unter­stüt­zer von Donald Trump. Reich gewor­den ist Peter Thiel mit Pay­pal und Facebook. 

Laut Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Boris Pis­to­ri­us (SPD) ver­fügt die Bun­des­wehr inzwi­schen über eine Droh­nen-Stra­te­gie. Danach pla­nen die Mili­tärs bis 2029 einen schnel­len Aus­bau ihres Bestands an Droh­nen. Bis jetzt ver­fü­gen die Streit­kräf­te ledig­lich über rund 500 Droh­nen, zum Ende der Deka­de sol­len es mehr als 8000 sein, mel­det »Loy­al«, das Maga­zin der Bun­des­wehr­re­ser­ve. Bis dahin sol­len dann auch die ent­spre­chen­den Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten bereit­ste­hen, Stich­wort Ska­lie­rung, um bei Bedarf die Pro­duk­ti­on schnell hoch­lau­fen zu las­sen. So set­zen bei­de Sei­ten im Ukrai­ne-Krieg nach Medi­en­be­rich­ten jeweils bis zu 1000 Droh­nen ein – täglich. 

Start-ups mischen aber auch bei der Mili­ta­ri­sie­rung des Welt­raums mit. Dabei geht es etwa um Hyper­schall­ra­ke­ten und vor allem um den Auf­bau eines Satel­li­ten­net­zes zur Erd­be­ob­ach­tung durch die Bun­des­wehr und wei­te­re Armeen. Hier­für rei­chen die Kapa­zi­tä­ten der euro­päi­schen Trä­ger­ra­ke­te Aria­ne – am Don­ners­tag star­te­te eine ver­bes­ser­te »Aria­ne 6« zum Erst­flug – nicht aus. Optio­nen für die Zukunft ent­wi­ckeln auf­stre­ben­de Jung­un­ter­neh­men wie Isa Aero­space – einer Aus­grün­dung der TU Mün­chen mit Unter­stüt­zung inter­na­tio­na­ler Inves­to­ren – oder Rocket Fac­to­ry Augs­burg. Als des­sen wich­tigs­ter Kapi­tal­ge­ber gilt der US-Inves­tor KKR. Die Ver­tre­ter der US-Regie­rung auf der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz dürf­ten die­sen Start-up-Boom zufrie­den zur Kennt­nis nehmen.